Mittwoch, 9. Juli 2014

Caspar David Friedrichs tote Soldaten

Caspar David Friedrichs 1835 datierte Sepia Kirchenruine in Wiesenlandschaft wird durch das links stehende Kreuz vor allem als religiöse Erörterung des Todes gedeutet und die freistehende Ruine kompositorisch in die Nähe des Gemäldes Ruine Eldena im Riesengebirge gerückt. Für den Maler war das Blatt jedoch gewiss eine historische Reminiszenz. 

Zu sehen ist die Darstellung des Zingels am Friedländer Tor in NeubrandenburgDer heute freistehende Teil der Befestigungsanlage zeigt sich um 1800 stark beschädigt, durch einen Torbogen mit dem Treppenturm verbunden und im halbkreisförmigen Innenraum mit einer kleinen Fachwerkhütte verbaut.

Zu erkennen ist hinter der Architektur das um 1800 weit ausgedehnte Grasland der Heiden. So ist Friedrichs Sepia Kirchenruine in Wiesenlandschaft weitgehende Naturtreue zu unterstellen. Die vorgenommene stimmungsgeprägte Weitung der Flächen neben und vor dem Zingel setzt die Architektur isoliert in eine einsame Wiesenlandschaft. Der Maler nutzt das Angebot der Natur tendenziell für die Konstruktion einer romantisch arrangierten Szene. 

Die Beschädigungen des Zingels stammen noch von den Zerstörungen des Dreißigjährigen Krieges. Mit der Wiederherstellung der mittelalterlichen Wehranlage beginnt man erst 1844. Vermutlich korrespondiert diese Aura des Zerfalls mit dem links erkennbaren Grabkreuz an jener Stelle, an der die kaiserlichen Truppen des Generals Tilly am 18. März 1631 bei der Belagerung von Neubrandenburg 92 schwedische Soldaten niedermetzeln. So fand man bei der Begra­bung der Erschlagenen zwischen dem Friedland’schen Thore und dem Zingel Leiche an Leiche und abgehauene Fäuste, Finger, Füße, Arme und Beine, Hirnschalen und andere schamsirte menschliche Gliedmaßen. So heißt es in einem Bericht aus dieser Zeit. 

Vorstellbar, dass Friedrich hier den Verteidigern der Stadt ein Denkmal setzen wollte.

Das Neubrandenburger Regionalmuseum bewahrt ein Blatt auf, das den Zustand der Ruine um 1800 festhält, von der Hand eines Fräuleins Anna Müller und mit dem Vermerk: nach einer Skizze von Professor Friedrich gezeichnet.

Mehr dazu im P-Book Kapitel 1 http://www.caspar-david-friedrich-240.de/#P-Book 


Caspar David Friedrich: Kirchenruine in Wiesenlandschaft. Um 1835, Bleistift, Sepia, 18,4 x 24,5 cm, Ehemals Dresden, Sammlung Friedrich Augusts II., verbleib unbekannt
Ruinenbild nach Anna Müller


Carl Gustav Carus: Friedländer Tor, 1818

Der Zingel heute. Foto: Botaurus / wikipedia


Donnerstag, 19. Juni 2014

Wie Caspar David Friedrich nach Greifswald kam

Caspar David Friedrich wäre nicht in Greifswald sondern in Neubrandenburg geboren worden, wo die Familie seit Generationen ansässig war. Der Vater Adolph Gottlieb Friedrich (1730-1781) hatte sich seine berufliche Zukunft in der mecklenburgischen Stadt auch vorgestellt. Er erlernte den Beruf des Seifensieders und Lichtziehers. Nur gab es in Neubrandenburg zu viele Seifensieder, dass allen eine auskömmliche Existenz beschieden war. Ursache dafür war der Landesgrundgesetzliche Erbvergleich von 1753. Der verbot in Mecklenburg-Strelitz die Ausübung verschiedener Handwerke auf dem Lande. In dessen Folge drängten diese Handwerker in die Städte. Gleichzeitig wurde der freie und unbeschränkte Handel auf den Jahrmärkten erlaubt und damit von den Zünften diktierte Reglungen für den Verkauf gelockert. 

In Schwedisch Pommern, in Greifswald und Wolgast fehlen dagegen Seifensieder und Lichtgießer. Der Siebenjährige Krieg hinderte vorerst Vater Friedrich der Arbeit nachzuziehen. Erst durch den Frieden von Hamburg zwischen Preußen und Schweden am 22. Mai 1762 endeten die wiederholten Gefechte des Siebenjährigen Krieges um Neubrandenburg. In Greifswald nimmt man den Arbeitsmigrant, nun schon 33 Jahre alt, in den zweiten Bürgerstand auf, dem hauptsächlich Kaufleute angehören. Dort ist er in der Stadt der einzige ausgebildete Seifensieder.

1765 ersteigert der Seifensieder meistbietend in Greifswald das Haus Lange Gasse 28 unterhalb und richtet dort eigene Werkstätten ein. Noch im selben Jahr holt der Handwerker die achtzehn Jahre jüngere Sophie Dorothea Bechly nach und heiratet sie. Am 5. Spetember 1774 wird Caspar David Friedrich geboren. 


Caspar David Friedrich: Bildnis des Vaters Adolf Gottlieb Friedrich. Um 1798, Kreide, 25 x 20,5 cm, Winterthur, Museum Oskar Reinhart

Donnerstag, 12. Juni 2014

Caspar David Friedrichs ferner Planet

Unter den Bildern, die Caspar David Friedrich nach Ideen aus Christian Cay Lorenz Hirschfelds „Theorie der Gartenkunst“ arbeitete, hat das Gemälde das Große Gehege in der Galerie Neue Meister in Dresden wohl den erstaunlichsten Ausgangspunkt im Text. Das Motiv zeigt zunächst einmal das Ostra-Gehege, eine Gegend im Nordwesten Dresdens

Doch wer den Standpunkt des Malers sucht, müsste über der Landschaft schweben, um die Elbe und die überschwemmten Sandbänke und Wiesen aus dem angenommenen Winkel erfassen zu können. Auch entstehen keine linearen zentralperspektivischen Achsen. 

Des Rätsels Lösung: Friedrich folgt Lorenz' Erörterung über die Schwierigkeiten des Gartengestalters wie Landschaftsmalers eine Ebene angenehm und sinnvoll darzustellen. So setzt der Maler die Darstellungs-Vorschläge Position für Position um und entwickelt von einer horizontalen Linie ausgehend mit einer hyperbolischen Anlagen Vorder- und Hintergrund zu diesem außergewöhnlichen Bild, von dem Werner Hofmann sagt, es sei wie die Topographie eines fernen Planeten. 
Mehr darüber im P-Book Kapitel III http://www.caspar-david-friedrich-240.de/#P-Book

Caspar David Friedrich: Das große Gehege. Um 1830, Öl auf Leinwand, 73,8 x 102,5 cm, Dresden, Galerie Neue Meister

Donnerstag, 5. Juni 2014

Caspar David Friedrichs patriotische Archäologie

Mit der Darstellung von Hünengräbern reagierte Caspar David Friedrich auf den unglaublichen Hype, den der Herzog Carl II. in Mecklenburg-Strelitz veranstaltete. Die, wie sich letztlich herausstellte, gefälschten Prillwitzer Idole, machten das kleine Herzogtum in ganz Europa bekannt und zum Pilgerort archäologisch interessierter Adliger und Wissenschaftler. Auch Goethe, der die Bilder mit Friedrichs Hünengräber für die Sammlung des Weimarer Herzogs ankaufte, interessierte sich brennend für die seltsamen Artefakte, die in der Gegend um Prillwitz in scheinbar unerschöpflicher Menge ans Tageslicht befördert wurden. Herzog Carl versuchte als Bruder der englischen Königin mittels Archäologie seinen Stammbaum aufzuwerten und ließ eine Genealogie anfertigen, die bis in die Zeit der Vandalen zurück reichen sollte. Auf dem Höhepunkt der patriotischen Archäologie in Meckenburg Strelitz fertigte Friedrich 1807 seine ersten kommentierenden Arbeiten Hünengrab am Meer und Hünengrab im Schnee. Als sich etwa 1815 führende Altertumswissenschaftler einig waren, dass die Artefakte von Prillwitz Fälschungen sind, und das Herzogtum in ganz Europa als das Land der Deppen galt, begann Friedrich das Wutbild Hünengrab im Herbst mit abschlagenen stolzen Eichen. Die Hünengrab-Bilder sind typischerweise Kompilationen, dass heißt zusammengesetzte Reallandschaften. Allerdings verweist das Hünengrab im Schnee auf eine auffindbare Topografie, das Königsgrab auf dem Berg in Wustrow am Tollensesee. Solche Eichen wie auf dem Neubrandenburger Wall findet man da nicht, sondern verkrüppelte Windflüchter, aber auch die sind nicht 200 Jahre alt. Eine Überraschung gibt es auf dem Hügel doch. Von den Eichen aus Friedrichs-Zeiten sind unter Laub und Moos noch die drei Baumstümpfe in jener Konstellation der Friedrich-Bilder vorhanden. So kommt man mittels Archäologie in der Kunstgeschichte weiter. Mehr darüber im P-Book-Kapitel Die Bäume der Ahnen  http://www.caspar-david-friedrich-240.de/#P-Book


Caspar David Friedrich: Hünengrab am Meer. 1807, Bleistift, Sepia, 64,5 x 95 cm, Weimar, Staatliche Kunstsammlungen

Caspar David Friedrich: Hünengrab im Schnee. 1807, Öl auf Leinwand, 61,5 x 80 cm, Dresden Gemäldegalerie Neue Meister

Caspar David Friedrich: Hünengrab im Herbst. Um 1819, Öl auf Leinwand, 55 x 71 cm, Dresden, Staatliche Kunstsammlungen, Galerie Neue Meister


Donnerstag, 29. Mai 2014

Caspar David Friedrichs topografische Signaturen

Caspar David Friedrich unterhält in seinem Werk ein System topografischer Signaturen, über die der eingeweihte Betrachter seiner Bilder Zuordnungen in Sinn und Ort vornehmen kann. Eine solche Signatur ist zum Beispiel ein Bergzug im Hintergrund der Gemäldes Neubrandenburg im Morgennebel und Frau vor der untergehenden Sonne sowie der Sepia Sommerlandschaft mit abgestorbener Eiche. Dieser Bergzug entstammt dem Karksruher Skizzenbuch und stellt vermutlich eine böhmische Landschaft dar. Als topografische Signatur verweist der Bergzug auf den Ort Neubrandenburg. Neubrandenburg hat natürlich nicht so eine Bergkulisse. Friedrich hält sich jedoch an Hirschfelds gartenkünstlerischen Grundsatz, dass ein Gebirge im Hintergrund jede Landschaft ästhetisch aufwertet. Diese Signaturen können auch Hünengräber oder Inseln sein ...

Mehr dazu in den P-Book-Kapiteln I, III und IV.
 


Caspar David Friedrich: Neubrandenburg im Morgennebel. Um 1818, Öl auf Leinwand, 91 x 72 cm, Greifswald, Pommersches Landesmuseum


Caspar David Friedrich: Frau in der Morgensonne. Um 1818, Öl auf Leinwand, 22 x 30 cm, Essen, Museum Folkwang

Caspar David Friedrich: Sommerlandschaft mit abgestorbener Eiche. 1805, Bleistift, Sepia, 40,5 x 62 cm. Weimar, Staatliche Kunstsammlungen


Caspar David Friedrich: Gebirgszug. 1804, Bleistift, 11,8 x 18,4 cm, Karlsruhe, Privatbesitz,

Montag, 26. Mai 2014

Mönch-am-Meer-Aussicht am Tollensesee

Die Bildmotive Caspar David Friedrichs gehören heute am Tollensesee zu den reizvollsten Aussichten. Die Gegend, die durch die motivische Herleitung im Werk des Malers als Standort des Mönchs am Meer am Nordufer des Tollensesees auszumachen ist, war durch die Strömungsverhältnisse zu Beginn des 19. Jahrhunderts das einzig Stück Sandstrand. Das Areal östlich des Segelclubs ist Gott sei Dank nicht bebaut und bietet genug Ausblick, bei Nebel und Dunkelheit auch düster wie im Gemälde. Mehr dazu im Kapitel Das kleine Meer, der Fischer und die Mönche 


Foto: Detlef Stapf / Nordufer des Tollensesees

Caspar David Friedrich: Der Mönch am Meer. Um 1809, Öl auf Leinwand, 110 x 171,5 cm, Berlin Nationalgalerie

Sonntag, 11. Mai 2014

Caspar David Friedrich im Roman

Eigentlich ist ein Roman keine Quelle für seriöse Belege bei der Vervollständigung der Angaben in der Biografie Caspar David Friedrichs. Mit aller Vorsicht lässt sich jedoch der mittelalterliche Bildungsroman Erwin von Steinbach oder Geist der deutschen Baukunst von Theodor Schwarz heranziehen. Der Autor stellt dem historischen Dombaumeister Erwin von Steinbach den Maler Kaspar an die Seite. Schwarz nimmt sich für diese Figur Caspar David zum Vorbild. Die Ansichten und die Persönlichkeit des Künstlers im Fiktionalen decken sich derart mit authentischen Beobachtungen von Zeitgenossen, dass man von einem gelungenen Porträt des Malers Friedrich sprechen kann. Carl Gustav Carus bezeichnet Schwarz, Pastor von Wiek auf Rügen, als „Friedrichs Freund [...], eine treue, gute, etwas breite Natur, der Kunst dilettantisch zugeneigt und selbst schriftstellernd in diesem Sinne,“ der immer mal wieder mit Familie nach Dresden kommt. Wir können wohl davon ausgehen, dass Schwarz mit den Augen des Schriftstellers seinen Freund genau beobachtet und mehr wahrnimmt als andere. Schwarz wird in seiner Prosa nachgesagt, dass er aus Mangel an Fantasie reale Erlebnisse und Biografien in seine fiktionalen Stoffe übernommen hat. So ist es durchaus möglich, mit dem Roman von Schwarz die Kindheit Friedrich und die Entstehungsgeschichte des Tetschener Altars oder die Bedeutung der Transparentbilder zu erhellen. Das Prosawerk erschien 1834 in Hamburg im Verlag von Friedrich Perthes unter dem Pseudonym Theodor Melas.

Mehr dazu im Kapitel Heimat, Familie, Frauenbild http://www.caspar-david-friedrich-240.de/#P-Book


Caspar David Friedrich: Das Kreuz im Gebirge (Tetschener Altar). 1807, Öl auf Leinwand, 115 x 110,5 cm, Dresden, Gemäldegalerie Neue Meister